Stand-Alone-Complex

„Der Wald in meinem Rücken“ – mit Dank an CisseAndebo für die Fotografie

«Wir gingen mit der Oma immer tiefer in den Wald…»
(Venedikt Erofeev, Moskau-Petuschki)

Dickicht ist eines meiner poetischen Lieblingswörter. Es wäre das erste, was ich in meinem immer für später geplanten «Wörterbuch der Poet*in» erarbeiten würde. Es ist gleichzeitig auch ein sehr einfaches, eines, das sich jedem und jeder sogleich erschliesst: Bedeutet es doch ein Durcheinander, ein Nicht-durchkommen, ein Versperrtsein, eine Unübersichtlichkeit, aber auch die Kraft und Fantasie der Vegetation, die für den menschlichen Verstand planlos erscheint, jedoch «ihre eigenen Wege» hat. Andere Wege als die menschlichen, die scheinbar planvollen.

Und dass ich dabei das Wort «Vegetation» schreibe, schliesst sich an die Macht von «Dickicht» an. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein «eigenes» Wort, das «mir gehört». Es ist dem Meister Gerhard Meier entlehnt. Ich weiss nicht mehr, in welchem Kontext er es verwendet, nehme aber an, in dem Interviewband mit Werner Morlang («Das dunkle Fest des Lebens»). Dabei wertet er das «Vegetative» zugunsten des (menschlich) «Aktiven» auf; wiegt also das «Werden» auf gegen das «Machen».

Mit diesem Grundsatz wurde mir klar, wie sehr ich selbst «vegetativ» agiere (so paradox vor obigem Hintergrund diese Aussage scheint): Sehr viel von dem, was ich zu Papier bringe, entsteht unter der Humusschicht meines aktiven Denkens und Handelns, steigt in einem allmählichem Reifeprozess durch die dünner werdenden Schichten der fruchtbaren Schwarzerde auf und beginnt am Sonnenlicht des Erkennens (aber meist noch nicht oder niemals Begreifens) zu spriessen und wachsen, zu «bersten» (wie Meier das von den Knospen gesagt hat).

Der Prozess poetischen Wachstums hat viel mit dem Spruch von Dr. Cottard in «In Swanns Welt» zu tun: «Laisser venir» – nicht drängen und dringen, sondern werden lassen, sozusagen «machen lassen».

Stand – Stehen

Fast sieben Monate schreibe ich nun bereits an dem Roman namens «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen». Seit dem Anfang beunruhigt und verunsichert mich der Umstand, dass ich diesen Roman in der Ich-Perspektive verfasse. (Demnächst muss ich wirklich einen Post darüber schreiben, ich vergesse immer, dass ich noch keinen dazu geschrieben habe. Das zeigt auch an, wie sehr ich mich mit dem Thema der «Ich-Perspektive» schwer tue und mich sogar davor scheue, darüber zu schreiben.) Dass ich den Roman von der handelnden Person erzählen lasse, hat seine Gründe: Immerhin begibt sich der Protagonist auf die Suche nach seiner Tochter, und das kann ich sehr gut nachvollziehen, fühle mich also geradezu berufen, ihm meine Stimme zu leihen. (Auch wenn es nicht meine Stimme ist, sondern seine. Sagen wir einfach mal: Ich kann mich schon mal ganz gut mit der Person des Protagonisten «identifizieren».)

Doch weichen wir nicht ab vom Thema: dem Stehen im Text.

Ein Text hat immer eine grundlegende Funktion, von denen die meisten Autor*innen, soweit ich das sehe, selten sprechen, wenn sie von ihrer Arbeit reden: Der Text muss dem Autor*in selbst Halt bieten können. Will heissen, er muss der Autor*in nicht nur glaubwürdig erscheinen, denn vorerst wird es nur ihr / sein Blick sein, der auf den Text fällt. Der Text muss der Autor*in eine Art «Anlehnfaktor» bieten, vielmehr: einen «Dreinlehnfaktor».

Ein Beispiel?

Wie oft schon habe ich ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte abgebrochen oder nicht «weitergesponnen», weil ich entweder nicht an den «Wirklichkeitswert» (oder -gehalt) des Textes geglaubt oder aber seinen «Bodengehalt», wenn man so will, seine «Bodenhaftung», seine Verankerung in meiner eigenen Ideen- und Sprachwelt nicht mehr erkennen oder auffinden konnte. Das sind meist Texte, die ich mit grossem Enthusiasmus aufgrund ihrer Idee beginne, dann aber den Halt darin verliere.

Das ist eine Grundangst meines Schreibens: den Halt verlieren. Diese Grundangst steht vor dem Hintergrund konventioneller Vorurteile gegenüber Künstler*innen und Schriftsteller*innen, die ich als Schweizer mit der Muttermilch aufgesogen habe: «Das sind doch alles Lebenskünstler*innen, die tun ja gar nichts Wirkliches, die lügen sich und uns ja nur in die Tasche, die sind nur zu faul, was Richtiges zu tun und arbeiten.»

Ich habe das mal als «die Angst vor der eigenen Lebenslüge» beschrieben: Du gibst dich der Illusion hin, dass deine so genannte «Berufung» wichtiger ist als dein eigentlicher «Beruf». Aus dieser Angst wagst du dann keine wirklich ernstzunehmenden Versuche, dieser Illusion durch Arbeit und Kreativität zu Geltung in deinem Leben zu verschaffen. Und wenn du es doch tust, bist du viel zu schnell entmutigt und lässt dich ablenken von deinem Vorhaben. (Story of my life!)

«Den Halt verlieren»[1] heisst also: Im Text nicht die Berechtigung für das Tun zu finden, das du tust.

Alone – Alleine

Denn du bist alleine mit deinem Text. Im Anfang – und vielleicht, wie ich mit vielen Gedichten erfahre, auch am Ende – stehst nur du zu ihm. Er «entstammt» nur dir. Du bist sein «Erstmotivator», sein «Erwecker».

Das ist ein schweres Los. Nicht nur steht deine Berufung auf dem Spiel, wenn der Text nicht «funktioniert», sondern auch deine Lebenszeit, deine Lebensenergie: Hast du, wenn der Text nicht «funktioniert», nicht deine Zeit mit etwas Unnützem verbracht?

Hättest du deine Zeit nicht besser verwenden können – mehr Zeit für deinen Sohn, deine Tochter aufwenden, mehr Zeit in noch bessere Religionsstunden stecken, alles Dinge, die doch weitaus sinnvoller sind als das Schreiben eines Textes?

Ich will es nicht überdramatisieren, dieses «schwere Los». Doch musste man nicht den Köppen richtiggehend einsperren, damit dieser sich an den geschuldeten und versprochenen Roman setzte und daran weiterschrieb?

Du bist alleine mit dem Text. In manchen Fällen sogar «alleine im Text». Und wie ein Vater, der für sein Kind sorgt, trägst du meistens die Verantwortung ganz allein. Denn gegenüber einem Text hast du eine Verantwortung: Du hast ihn nicht nur zu verantworten, sondern bist regelrecht für sein Gedeihen und Überleben verantwortlich. Kurz, mit dir fällt und steigt die Überlebenswahrscheinlichkeit des Textes. Hältst du nicht durch, verschwindet der Text.

Complex – Verwoben

Doch natürlich steht dein Text nicht ganz allein. Er ist ja nur die jüngste «Inkarnation» des immer gleichen Texts, den du zu schreiben versuchst. Er ist der berühmte Zwerg auf dem Rücken der Riesen, selbst wenn die Riesen selbst nur Zwerge oder Kröten waren.

Der Text hat eine Familie, eine Vor- und manchmal auch eine Nachgeschichte. Auch darin bist du dem Text verpflichtet. Du bist dafür zuständig, ihn gut einzubetten in diese Erzählung.

Der Text darf natürlich alleine und für sich stehen, das tun die besten Texte ja sofort, nach den ersten Zeilen schon. Dennoch muss der Leser*in klar werden, wem er gehört, woher er kommt, was er mitschleppt an Treibgut und gebleichten Knochen.

Diese Verwobenheit mit deiner «eigenen Welt» ist spürbar, wenn der Text dir ein Gefühl von Unabhängigkeit vermittelt. Will heissen, wenn du merkst, dass nun jede*r kommen kann und ihn berühren und verunstalten und umarmen kann, ohne dass ihm was passiert. Er ist lebensfähig geworden. Er hat seine Unabhängigkeit wohl verdient. Du musst dich nicht mehr sorgen.

Stand-Alone-Complex – Das Dickicht hält

Mein Roman trug anfangs bezeichnenderweise den Titel «Den Wald im Rücken». (Dieser Ausdruck kommt immer wieder vor im Roman, ich habe ihn zu einem metaphorischen Leitmotiv gemacht.) Dieser Ausdruck meint, dass der Held der Geschichte zwar in einer absoluten Lebenskrise steckt, aber in der Natur hinter seinem Haus, die ganz eigenen Gesetzen und Prozessen folgt, einen Halt findet.

Das Dickicht hält den Protagonisten aufrecht. Er kann sich daran lehnen, er kann die Verwobenheit des Grünen spüren und daraus Kraft schöpfen.

So geht es mir derzeit mit meinem Roman. Ich befinde mich im 6. von 10 geplanten Kapiteln, auf Seite 185.

Ich habe nun reichlich «Wald im Rücken», der mich hält. So viel ist schon passiert im Roman, so viel Details wurden eingeflochten, mit den Personen des Romans in Verbindung gebracht, so viel «Weg» ist schon zurückgelegt.

Natürlich ist es immer noch unheimlich, «alleine mit der Oma in den Wald hinein» zu gehen, aber ich weiss jetzt, dass dieser Roman leben wird.

Er wird leben, weil er alle drei oben genannten Kriterien zu erfüllen beginnt.

Das ist ein unglaublich gutes Hochgefühl: zu wissen, dass der «Lauf» begonnen hat. Jetzt ist das Schreiben wie eine Strasse – immer noch mit Löchern und Unebenheiten, Kreuzungen und fehlenden Hinweisschildern, natürlich!

Der Wald in meinem Rücken – der Text in meinem Rücken – wächst immer mehr an, treibt mich voran, wird selbst zu seiner Motivation, befruchtet sich selbst, er ist kurz vor den ersten Schritten ganz allein, eingesponnen in meine «eigene Welt».

Das ist Glück.


[1] Und ich merke gerade, das wird der Post, der neue Massstäbe in Sachen «Wörter in Anführungszeichen» setzt… Somit erkläre ich diesen Post als den «Post mit den Anführungszeichen» und dieselben zu «Stilmitteln»…

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