
Gestern habe ich „In Viriconium“ von M. John Harrison fertig gelesen, den dritten Roman seiner „Viriconium“-Trilogie („Die Pastell-Stadt“, „Ein Flügelsturm“ – die beiden andern Romane der Trilogie, entstanden 1971, 1980 und 1982) .
In meiner Ebook-Ausgabe von diesen Werken folgen auf diese Romane noch einige Geschichten, die in und um die sagenhafte modern-mittelalterliche Stadt namens Viriconium angesiedelt sind. Sie verleihen den drei Hauptromanen durch ihre Nebenfiguren und Parallelhandlungen ein zusätzliches Schillern an Glaubwürdigkeit und „Echtheit“.
Viriconium gibt es nicht „in Echt“
Nicht nur diese drei Romane haben meinem nun bereits halbjährigen nächsten Versuch, einen Roman auch wirklich fertig zu schreiben, zusätzlichen Schub gegeben. Mehr noch hat dazu ein Artikel von M. John Harrison selbst beigetragen, der mich die Tragweite und Grenzen einer „literarischen Konstruktion“ besser verstehen liess. Der Artikel heisst „What it might be like to live in Viriconium“ und stammt aus dem Jahr 2001 (zuletzt abgerufen am 13.06.21).
Dieser Artikel ist zugleich eine Bejahung der Existenz (und Existenzberechtigung) von literarischen Welten als auch eine Absage an deren Existenz. Darin erklärt er, dass er diese Frage weder gestellt bekommen noch beantworten wollen habe müssen. Und er fährt fort:
Daher machte ich diese Welt zunehmend veränderlich und komplex. Du kannst ihre Regeln nicht lernen. Noch wichtiger, Viriconium ist nie zweimal der gleiche Ort. Das kommt daher, weil es – wie Mittelerde – kein Ort ist. Es ist ein Versuch, die Güterkosten zu beleben, die angeboten werden. Diese Güter sind, wie in Tolkien, Moorcock, Disney oder Kafka, Le Guin oder Wolfe, ideologische Güter. Viriconium ist eine Theorie über die Machtstrukturen, die die Kultur zu verhindern geschaffen ist; eine Allegorie der Sprache, wie diese nur scheitern kann; die Bekanntmachung einer philsophischen (um nicht zusagen ethologischen) Verzweiflung. Und gleichzeitig ist es eine schamlose postmoderne Fiktion (Romanliteratur) des Herzens, aus dem just aus dem Grund all die von uns ersehnten Werte herausgeschwemmt worden sind, damit wir sie wieder dorthin zurückstecken wollen (und sie in diesem Versuch wieder neu betrachten). Wie alle Bücher ist Viriconium einfach ein paar Wörter. Da gibt es keinen Platz, keine Gesellschaft, keine verlässliche Zukunft, um es „echt zu machen“.
Eine schamlose postmoderne Fiktion des Herzens
Seit „Akira“ und noch stärker seit „Ghost in the Shell„, die, wie ich gerade verblüfft feststelle, immerhin 7 Jahre auseinander liegen (1988 und 1995), bin ich fasziniert von zweierlei Themenkreisen: auf der einen Seite von der Pubertät als jener Zeit, da in der Veränderung plötzlich Unglaubliches möglich scheint – sogar die zeitweise Verwandlung eines Menschen in einen Panzer -, und auf der anderen Seite von den apokalyptischen Szenarien, die mit der Klimakrise und Covid-19 noch viel realer als in meiner Kindheit und Jugend wurden. Seither möchte ich ein Buch schreiben, das diese beiden Themen verbindet. Oder vielleicht halt doch eher Bücher, die diese beiden Themen verhandeln.
Derzeit sitze ich an „Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen„, einem Roman, den ich für meine Tochter schreibe. Darin geht es um die übernatürliche Invasion von fremden Wesen namens Sirenen in eine ganz und gar befremdliche Gegenwart, die dennoch den Orten, an denen sie spielt, gleicht. Menschen verwandeln, verändern sich. Nukleare Katastrophen und Umwelt-Terroristen haben die Schweiz aufgespalten in einzelne kleinere Gebiete, lange Zeit herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. (Ich möchte mit seiner Rohfassung im Januar 2022 fertig sein, um ihn bis zum nächsten Januar – 2023 – zu überarbeiten und „gut zu schreiben“.)
Nachdem ich Harrisons „Grundsatzerklärung“ (wie ich sie bei mir nenne) entdeckt und gelesen habe, wurde mir klar, dass ich mir weniger Gedanken um die „Echtheit“ als um die „innere“, philosophisch-psychologische Glaubwürdigkeit der Geschichte(n) machen muss. Das hat mich sicher sehr befreit, fast ein wenig dynamisiert. Auch das in dem Aufsatz angedeutete Spiel mit einer schillernden Erzählwelt hat mich angespornt und überzeugt, meinem grossen Romankomplex (auch eine Trilogie, wie kann es anders sein) den Raum und die Schreibzeit zu geben, die sie braucht.
Umso mehr, als ich während des Schreibens unwillkürlich in die Nebenräume der Romanwirklichkeit eingedrungen bin, die von den beiden anderen Romanen beschrieben wird.
Ausdehnung der Schreibzone
Meine beste Freundin hat mich letzthin eindringlich davor gewarnt, mich im Schreiben nicht zu verzetteln. Mich ganz auf den jetzt vor mir liegenden Roman zu konzentrieren. Doch in meinem Schreiben habe ich die beiden andern angefangenen Romane indirekt „wiederbelebt“: „Bewahrung der Welt“ heisst der eine, der im Freiamt (AG) spielt – das gar nicht mehr das Freiamt ist, wie es die Freiämter kennen dürften -, „5 Stunden bis zum Krieg“ der andere.
Der Titel des Letzteren übrigens ist ein schamloses postmodernes Zitat aus Makoto Shinkais Meisterwerk „The Place Promised in Our Early Days„. Darin fällt dieser für mich und vermutlich für viele Pubertäre und Jugendliche prägende Satz:
Ich bin die einzige, die auf der ganzen Welt übrig geblieben ist… So fühlt es sich an.
Als ich nun beim Schreiben bemerkte, wie der Roman mit der zunehmenden Anzahl der geschriebenen Seiten zu atmen begann, war ich nicht nur glücklich, sondern merkte auch, dass er die Verbindung, das Glaubwürdigkeits-Netzwerk der anderen beiden Romane braucht. Er ruft danach.
Ich habe diesen beiden anderen Romanen nachgespürt und in ihnen nachgelesen. Sie haben mich gerufen, aber ich muss sie besänftigen. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen, sonst werde ich mich wie meine beste Freundin zu Recht befürchtet, wieder verzetteln und verlieren.
Doch werde ich mir erlauben, die Schreibzone auszuweiten: zentrale Grundlagenliteratur für alle drei Romane ist ein Buch, das ich damals, während des Schreibens an „Bewahrung der Welt“ in den Jahren 2013-2015, „Das Buch von Wicky Alois“ genannt habe.
Dieses Buch nimmt seinen Ursprung in dem spätmittelalterlichen Roman „Wigalois. Der Ritter mit dem Rade“, der selbst eine Art Metaroman der hochmittelalterlichen „Aventiure“-Romane ist. 2015 hatte ich begonnen, diesen Roman ins Schweizerdeutsche zu übersetzen. Es ist bei der Bemühung geblieben. Aber jetzt, da er mir wieder in den Schreibprozess „gefallen“ ist, werde ich ihn nahe bei mir halten, um ihn immer wieder „hineinsprechen“ zu lassen in meine unkonsequenten, veränderlichen und komplexen „Welt“, in dieser zunehmend komplexeren und veränderlichen Gegenwart, die wir erleben.
Erkennst du das Verfahren? Es heisst Leben.
Und noch einen Anstoss hat mir Harrison gegeben. Ich bin Hals über Kopf in meinen Roman gestartet – noch dazu in der Ich-Perspektive! – und habe ich mich immer wieder an Wendepunkten oder in schwierigen Situationen gefragt: Was mache ich da überhaupt? Hat das denn einen Sinn, ganz vergessen: eine Glaubwürdigkeit?
Als Antwort möchte ich nur Harrison zitieren. Und mir die Gedanken zur Ich-Perspektive für ein andermal aufsparen:
Du kannst es nicht für diese Dinge lesen (für die Echtheit der Dinge darin), daher musst du es für alles andere lesen. Und wenn seine Landschaften nicht kartografiert werden können, seine Drohung einer unendlichen Tiefe (oder wenigstens von unendlicher Rezessivität) kann nicht aufgelöst werden, sondern muss zu ihren eigenen Bedingungen akzeptiert werden, als eine Garantie wirklichen Abenteuers. Keine Person „überlebt“ Viriconium je: sie können im besten Fall, nachdem sie hineingesogen worden sind, darauf hoffen, ganz wieder ausgespuckt zu werden (wenn auch verändert). Erkennst du das Verfahren? Es heisst Leben.
Und ist das nicht eine wundervolle Antwort auf R. L. Stevensons Aussage darüber, dass „Bücher ein ziemlich blutleerer Ersatz für das Leben sind„?
